Antisemitismus im Visier

Antisemitismus ist in Europa, insbesondere in Deutschland, nicht erwünscht. Versteckt im neuen Kleid eines scheinbar politischen Anti-israelismus könnte er aber wieder hoffähig werden. von Jürgen Bühler

Alarmierende EU-Umfrage

Eine Anfang November veröffentlichte Umfrage der Europäischen Union unter den 15 Mitgliedstaaten zeigte wieder einmal auf erschütternde Weise die gefährliche Stimmung, die in Europa bezüglich Israel herrscht. Die große Mehrheit der EU Bürger (59 %) und sogar 65 % der deutschen Bundesbürger glauben, dass Israel - vor Iran, Nordkorea oder ähnlichen Staaten - die größte Bedrohung für den Weltfrieden darstellt.

Das Ergebnis schockierte nicht nur die Öffentlichkeit und die Politiker in Israel, sondern brachte auch Mitglieder der EU-Führungsebene in Verlegenheit.

"In Europa sind wir heute mit Antisemitismus konfrontiert, wie er dort schon immer existierte", erklärte Ariel Scharon gegenüber einer europäischen Nachrichtenagentur. Zwischen Antisemitismus und Anti-Israelismus sieht Sharon keinen Unterschied. "Israel ist ein jüdischer Staat", so Scharon und fügt hinzu: "Es ist heutzutage nicht populär, eine antisemitische Politik zu verfolgen, daher verpacken die Antisemiten ihre politischen Haltungen in (die Diskussion um) den Nahostkonflikt. Regierungen der EU-Mitgliedstaaten unternehmen nicht genug, um dem entgegen zu treten."

Zwar stritt Javier Solana, der Außenpolitische Beauftragte der EU ab, dass man vom Umfrageergebnis auf Antisemitismus in Europa schließen könne, doch die aktuellen Ereignisse in Europa sprechen eine deutliche Sprache. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der Umfrage brannte eine jüdische Schule in Frankreich, während sich in Deutschland die Geister an der Hohmann-Affäre schieden. Der israelische Außenminister Silvan Schalom sah auch die tödlichen Anschläge in Istanbul im Zusammenhang mit den zunehmenden antiisraelischen Aktionen in Europa und der arabischen Welt.

Schon die Fragestellung der Umfrage offenbarte eine Voreingenommenheit gegen Israel. So wurden die insgesamt 7500 Bürger nicht gefragt, ob der israelisch-arabische Konflikt eine Bedrohung für den Weltfrieden darstelle. Darüber hinaus konnten sich die Menschen in der Umfrage nicht wieder finden, die den palästinensischen Terror, der schon seit Jahrzehnten ein internationales Gesicht hat, als Bedrohung für Weltfrieden ansahen. Israel wurde von den Fragestellern - der EU-Kommission selbst - als Bedrohung der Welt geradezu präsentiert.

Neuer Skandal

Die Umfrage war kaum veröffentlich, als ein neuer Skandal die EU in Verlegenheit brachte. Bereits im Februar diesen Jahres, so berichtete die "Financial Times", wurden die Ergebnisse einer von der EU in Auftrag gegebenen Umfrage nicht veröffentlicht. Diese Umfrage hatte ergeben, dass hinter antisemitischen Straftaten in Europa in großem Maße islamische und pro-palästinensische Gruppen stehen, so berichtete das Finanzblatt. Ausschlaggebend für die Nichtveröffentlichung war auch, dass anti-israelische Vorfälle in dem Bericht mit eingeschlossen wurden, die nach Auffassung der EU nicht als antisemitisch einzuordnen sind. "Fairerweise müsste man dann auch anti-islamische Zwischenfälle mit einschließen," erklärte ein Mitglied des Vorstandes der EUMC, der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die EUMC, die dem Rat der EU untergeordnet ist, kündigte für Anfang nächsten Jahres einen neuen Bericht an.

Ein unerwarteter Freund

Ein Journalist der "Jerusalem Post" machte vor wenigen Wochen eine interessante Feststellung: "Gerade das Volk das uns vor 2000 Jahren aus Israel in die Diaspora vertrieb, ist heute Israels bester Verbündeter in Europa." Gemeint damit war Italien. Die Tage scheinen vorüber, in denen Deutschland in der Europäischen Union als zuverlässigster und bester Partner Israels galt. Israel findet interessanterweise in Italien, das momentan den EU-Vorsitz innehält, seinen "besten Freund", wie es Israels Premierminister Ariel Scharon kürzlich ausdrückte.

Die Liste der pro-israelischen Aktionen innerhalb der EU ist beeindruckend. In der Diskussion um die potentielle EU-Mitgliedschaft der Türkei machte EU-Ratspräsident Silvio Berlusconi den unerwarteten Vorstoß, man müsse dann noch eher Israel als einzige gut funktionierende Demokratie der Region die EU-Mitgliedschaft anbieten. Auch als sich die Staatsoberhäupter der EU schwer dabei taten, zu den antisemitischen Bemerkungen des malaysischen Präsidenten Mahatir Stellung zu beziehen, zögerte Berlusconi nicht lange, die Äußerungen deutlich zu verurteilen. Und während sich die Staatschefs der EU in lautstarken Verurteilungen bezüglich Israels Sicherheitszaun gegenseitig übertrafen, erklärte der italienische Vizepremierminister, dass man zuerst "in den Schuhen Israels stecken" müsste, um die Notwendigkeit des Zauns zu verstehen. Im Gegensatz zu EU-Außenpolitiker Solana zeigt Berlusconi zudem Verständnis für Israels Weigerung, sich mit Politikern zu treffen, die Arafat einen Besuch abstatten.

Ob das italienische Volk hinter der neuen Politik ihres Staatschefs steht, bleibt dabei zu hinterfragen. In einer jüngsten Umfrage stellte jeder fünfte Italiener das Existenzrecht Israels in Frage. In der anfangs erwähnten EU-Umfrage leuchtete Italien andererseits als Schlusslicht: "Nur" 48 % der italienischen Befragten glauben, dass Israel eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellt.

Dieser Artikel ist dem neuen Rundbrief des Deutschen Zweigs der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) entnommen. Neben Einschätzungen zur aktuellen Lage in Israel, finden Sie in dem Blatt auch Informationen über Sozialprojekte der ICEJ, eine Bibelauslegung zum Thema "Die Gottheit Jesu" und vieles andere mehr.

Dr. Jürgen Bühler leitet den Deutschen Zweig der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem. Zusammen mit seiner Frau Vesna und drei Kindern lebt und arbeitet er seit vielen Jahren in Israel.

Das Auschwitz Album

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